In Weimar

In Weimar im Dezember

In Weimar war es im Dezember.
Das Jahr zog seine letzte Bahn.
Da wurde Goeth’ auffallend unruhig
und blickte Schill’ mit Schrecken an.

„Advent ist’s und ein Lichtlein brennt,
dann brennen zwei, dann drei, dann vier,
dann steht“, sprach Goeth’ beinahe tonlos,
„dann steht das Christkind vor der Tür.“

„Ach was“, sprach Schill’ und war erstaunt.
Goeth’s Dichterstirn war tief zerfurcht.
Die Augen kündeten Verzweiflung.
Der ganze Goeth’ war Angst und Furcht.

„Wisst ihr denn nicht, was das bedeutet?
Erst Weihnachten und dann das Ende!“,
stieß hauchend Goeth’ hervor und griff
entsetzten Angesichts Schill’s Hände.

„Was ist so schrecklich, bester Goeth’,
wenn im Advent ein Lichtlein brennt?
Wenn’s Christkind vor der Tür bei vier?
Und wenn dann bald das Jahr zuend’?“

„Ein Jahr ist um“, sprach darauf Goeth’.
„Doch ist es nicht wie jedes Jahr,
weil dieses Jahr, ihr müsst es wissen,
ein durchaus ganz besond’res war.

Apokalypt’sche Todesangst
umklammert mein gequältes Herz.
Das Ende naht. Schluss! Aus! Vorbei!
Fühlt ihr denn nicht wie ich den Schmerz?“

Schill’ fühlte in der Tat den Schmerz nicht,
der Goeth’ im Innersten durchschnitt
und den er an des Freundes Seite
verlassen und allein durchlitt.

Jedoch Goeth’s Nase trog ihn nicht,
nicht täuschte ihn sein Feingefühl:
Dies Jahresende hier in Weimar
war auch das End’ von Goeth’ und Schill’.

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In Weimar

In Weimar im November

In Weimar war es im November,
da wußte Goethe, jetzt kommt bald
der Winter mit viel Eis und Schnee.
Jetzt würde es sehr bald sehr kalt.

Das konnte Goethe gar nicht leiden.
Er liebte heiße Sommertage,
weil ihm so kalt war, wenn es kalt war.
Der Winter war ihm stets nur Plage.

Dem widersprach Schill’ ungehemmt:
„Ich friere lieber. Denn die Hitze
vertrage ich nun überhaupt nicht.
Da stöhn’ ich nur und schwitz’, ach schwitze.“

Sogleich versuchte Goeth’ beherzt,
Schill’ eines Bessern zu belehren.
Doch Schill’ blieb unbeeindruckt stur
und ließ partout nicht sich bekehren.

Da hämmerten sie aufeinander
mit wucht’gen Argumenten ein.
Doch wenn der Eine sagte: „Ja“,
so sprach der Andere nur: „Nein.“

Und wenn sie nicht gestorben sind,
was man durchaus bezweifeln kann,
dann dauert ihre Kontroverse
bis auf den heut’gen Tage an.

In Weimar

In Weimar im Oktober

In Weimar war es im Oktober,
die Bäume welkten vor sich hin,
da sprach der Goeth’ vertraut zum Schill’:
„Wie gut, dass ich der Goethe bin.

Ich bin so gut gelaunt und heiter.
Die Frage treibt mich freilich um
und trübt den frohen Sinn in mir,
dass ich einfach nicht weiß, warum.

Ich bin als Goethe zwar berühmt
und hab’n Keller voller Wein,
kann dichten, dass die Fetzen fliegen:
Weshalb sollt’ ich nicht fröhlich sein?

Je mehr ich mich jedoch besinne,
desto mehr Zweifel quälen mich,
ob’s wirklich gut ist, Goeth’ zu sein.
Ach wär’ ich ihr bloß und nicht ich!“

In Weimar

In Weimar im September

In Weimar war es im September.
Die Reime setzten sich zur Wehr.
Und war der Sommer noch so groß,
ein neues Reimschema musst’ her.

„Die Reime sind jetzt voller Saft“,
sprach Goeth’ zum Schill’, „doch ungeschmeidig.
Das war ganz anders im April.
Zu dichten ist mir jetzt sehr leidig.“

Darauf sprach Schill’: „Mein lieber Freund,
ich dichte gerne im September,
pausiere während des Oktobers,
dann dicht’ ich weiter bis Dezember.

Ich geb’ euch daher nur den Rat,
im Einklang mit des Dichters Streben
die Zeit des Jahres einzuteilen
und reimgerecht sie zu verleben.“

In Weimar

In Weimar im August

In Weimar war es im August.
Da sagte Goeth’ zum Schill’: „Habt lust-
zuwandeln ihr, Schill, mit mir, Lust?
Damit sich’s reimt, sag’ ich, du musst.“

Dem Schill’ jedoch fiel gar nicht ein,
zu wandeln lust mit Goeth’ allein.
„Die Lust“, sprach er, „ist viel zu klein.
Drum sag’, damit sich’s reimt, ich nein.“

In Weimar

In Weimar im Juli

In Weimar war’s im Juli heiß.
Deshalb rann Goeth’ und Schill’ der Schweiß
in Bächen von der Dichterstirn.
Die Hitz’ briet einem schier das Hirn.

Das ist des Dichters Sommerkrise.
Er liegt jetzt gerne auf der Wiese,
und mag die Muse noch so küssen,
im Juli wird sie warten müssen.

Was sonst kein Kritiker je schafft,
das schafft der Julisonne Kraft:
Gedichte bleiben ungedichtet,
aufs Dramenschreiben wird verzichtet.

Romane wollen nicht gelingen.
Auch Goethe ließ im Berlichingen,
anstatt den Satz noch zu beenden,
es bei ‘nem „Leck mich“ mal bewenden.

In Weimar

In Weimar im Juni

In Weimar war’s im Monat Juni,
als Goeth’ zum Schill’ sprach: „Freund, habt ihr nie
gewünscht, ein anderer zu sein,
ein bisschen klug und nicht so klein?“

Darauf sprach Schill’: „Ach hört mal, Goeth’!
Eu’r Nam’, nicht mein, reimt sich auf blöd.“
„Schill’ reimt sich auch nicht auf Genie“,
sprach Goeth’. „Jetzt sagt schon, habt ihr nie?“

Darauf sprach Schill’: „Ihr könnt doch selbst nicht
zufrieden sein mit dem Gesicht.
Man seh’ sich nur die Nase an,
mit der man Fische angeln kann!

Ihr dürft nie in die Sauna geh’n.
Denn wenn euch and’re Menschen seh’n,
bekleidet völlig adamlich:
Man rennet, rettet, flüchtet sich.“

In Weimar

In Weimar im Mai

In Weimar war’s im Monat Mai,
es war g’rad’ der April vorbei,
als Goeth’ und Schill’ zusammensaßen
und deft’ge Kost zu Mittag aßen.

Vor ihnen dampften die zerstampften
Kartoffeln, und genüsslich mampften
und schlangen beide voller Gier
Eisbein mit Kraut. Dazu gab’s Bier,

auf dass das Essen schneller gleite
hinab in ihrer Mägen Breite.
Die beiden hauten kräftig rein,
als würd’s die letzte Mahlzeit sein.

Als Nachtisch gab es Bayrisch Creme,
und da wurd’s langsam unbequem.
Wer sich mit Essen vollgedröhnt,
darf sich nicht wundern, wenn er stöhnt

und wenn die Hose nicht mehr passt,
weil man zu üppig nachgefasst.
Der Ober kam und frug die Zwei,
ob noch etwas gefällig sei.

„Vielleicht ein Schnäpschen noch, die Herrn?“
Die beiden sagten: „Ja, sehr gern!
Für jeden einen Doppelkorn
und dann, Herr Ober – nochmal von vorn.“

In Weimar war’s im Monat Mai,
es war g’rad’ der April vorbei,
als Goeth’ und Schill’ zusammensaßen
und deft’ge Kost zu Mittag aßen.

In Weimar

In Weimar im April

Es war in Weimar im April,
als Goeth’ wie folgt zum Schill’ sprach: „Schill’,
das Leben macht mich gram und mürbe.
Wenn ich jetzt plötz und ad hoc stürbe,

so wäre das ein Windhauch nur
im Dickicht deutscher Lit’ratur.
Den Erlkönig hab’ ich gedicht’.
Den Faust hingegen gibt’s noch nicht.

Ich kann es wenden wie ich will,
in Weimar hier und im April
würd’ keine Seele mich vermissen,
würd’ ich jetzt sofort sterben müssen.

Es geht mir, kurz und gut, nicht gut,
vertrocknet ist mein Lebensmut.
Helft’, Freund, mein Schickesal zu wenden,
sonst würd’ mein Leb’ vorm Tode enden!“

In Weimar war es im April,
als Goethe also sprach zum Schill’.
Der überlegte lang’ und breit,
fast eine ganze Ewigkeit.

Dann endlich sagte er ganz kurz:
„Mein lieber Goeth’, das ist mir schnurz.
Ich dicht’ jetzt frohgemut und heiter
an dem Gedicht ‘Die Bürgschaft’ weiter.“

Sogleich fing Goeth’ zu schmollen an
und sprach zu Schill’, dass er ihn kann.
„Ich kann euch nicht“, sprach drauf der Schill,
„weil im April ich das nicht will.“

Schon war ein Riesenstreit im Gange,
sehr heftig und wer weiß, wie lange.
Es lässt sich allerdings erahnen,
dass diese beiden Worttitanen

mit Kraftausdrücken sich bewarfen,
mit ganz besonders saftig-scharfen.
Wir halten uns da besser raus
und geh’n gesenkten Haupts nach Haus’.

Aphorismus

In Weimar im März

In Weimar war’s, im Monat März,
da machte Goeth’ mit Schill’ ‘n Scherz.
„Kommt, Freund, wir trinken ein paar Drinks
statt mit der rechten Hand mit links.“

Jedoch der Schill’, der wollte nich
und sprach zum Goeth’: „Ich weig’re mich’.
Ich trink’ seit jeher meine Drinks
ausschließlich rechts und nie mit links.“

„Und sowas“, dachte Goethe, „dichtet.
Es wirkt doch sehr unterbelichtet,
wenn Schiller da so vor mir steht
und sagt, dass es nur rechtshänd’ geht.

Was ist das, frag’ ich, für ein Mann,
wenn so er nur, nicht anders kann?
Ein Mann, der einstmals Dinge schrieb,
dass einem schier die Spuck’ wegblieb?

So einer will nur rechtsseits trinken?
Wie tief kann ein Genie doch sinken!
Nun denn, es hat nicht sollen sein.
Trink’ ich die Drinks mit links allein.“

Und Goethe blieb, mit Groll im Sinn,
nichts als den Kürz’ und abzuzieh’n.
So trank er eben Glas um Glas
allein, mit links und nur aus Spaß.

Da traf ihn jäh der Muse Kuss!
Sogleich bestieg er Pegasus,
um seines Dichteramt’s zu walten:
„Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten…“