Die Stadt der Kräne

Eine Parabel von Bernhard Huber

Ich möchte diesen Morgen, diesen neuen Morgen nicht beschreiben. Ich gehe einfach durch ihn hindurch, durch die Fußgängerzone unserer großen, modernen, baufällig gewordenen Stadt und strebe meinem Arbeitsplatz zu, einem Museum, das gegen Entrichtung eines nicht geringen Eintrittsgeldes Särge ausstellt. Aber was heißt schon streben? Ich erledige nur meine Pflicht.
Ja, mein Museum stellt Särge aus, und verlangt Geld dafür, und ich kann, auch zu meinem Glück sagen, das Geschäft geht einigermaßen gut. Warum überhaupt jemand zu mir kommt und mit mehr oder weniger gespieltem Interesse die Särge betrachtet, ist mir ein Rätsel. Früher versammelte man sich um die Gräber der Angehörigen, der Lieben, die einem, wie es in der Liturgie heißt, im Tod vorausgegangen sind. Da erfuhr man genug von Sterben und Tod. Heute geht man ins Museum, um sich mit Informationen über den Vollzug des Todes vollzustopfen, als stürbe es sich anders damit.
Unsere demokratische Zeit hat den Krieg wiederentdeckt. Soldaten kehren wieder in Särgen in ihre Heimat zurück. Insofern ist der Tod durchaus ein Thema. Mit allen Mitteln der Kunst versucht man sich ihm anzunähern – und ihn sich vom eigenen Leib zu halten. Es ist schlimm genug, dass andere sterben. So beschäftigt man sich bestenfalls mit demjenigen Tod, den jemand anderer hinter sich gebracht hat, der weg ist. Der vorbei ist. Doch der Tod ist nie vorbei, und immer ist er da. Mit jeder Geburt fängt immer wieder neu an. Wie auch das Leben immer wieder von vorn beginnt. Die Menschen trauern dem Tod, wenn er beginnt, mehr nach als dem Leben, wenn es endet. Als wollten sie sich an ihn anpassen und nicht an das Leben. Sie fragen danach, was denn der Tod sei, und sie fragen das so, als wüssten sie schon längst, was das Leben sei. Genau das aber wissen sie nicht, und in diesem Unwissen sind sie strebsam wie ich, der ich meinem Arbeitsplatz zustrebe.
Wer glaubt, an der Kasse eines Museums zu sitzen, in dem Särge ausgestellt sind, wäre langweilig, irrt sich. Mir ist überhaupt nicht langweilig. Ich darf ja, wenn ich nicht gerade Auskunft geben, eine Eintritts- oder Ansichtskarte mit einem unserer Särge als Motiv oder einen Museumsführer – ein viel zu hochtrabendes Wort für diese mikrige Broschüre – zu verkaufen habe, lesen, mit meinem Laptop im Internet surfen oder beobachten, was ich am liebsten mache. Ach, der Mensch!
Unser Museum liegt mitten in der Stadt, ist aber zwischen all den Kränen und abrissgefährdeten Häusern nur schwer zu finden. Es liegt etwas abseits von den großen Straßen, auf denen sich das moderne Leben formiert, durch die sich täglich die Menschenmassen wälzen und hetzen.
Schon seit Jahren ist das Bild unserer Stadt von Kränen geprägt. Sie scheinen sich wie Pilze bei warmem, feuchtem Wetter zu vermehren, ohne dass sich irgendwer einmal die Mühe machte, sie zu pflücken. Man hat den Eindruck, ein Kran, der hier einmal Position bezogen hat, bleibt für alle Zeiten stehen. Anders als die Gebäude. Ständig wird eines abgerissen, und zwischen den Baulücken eröffnen sich plötzlich ganz neue Aussichten und manchmal auch Einsichten. Es ist, als könne man durch die Häuser, die hier gestanden haben und von denen nun nur noch Bauschutt übrig ist, hindurchsehen, weil das Gedächtnis von uns Menschen noch lange nicht in der Lage ist, sich ebenfalls einzureißen und der städtebaulichen Entwicklung anzugleichen.
Diese Stadt behandelt ihre Gebäude wie Vieh, das verendet ist, wie eine Pflanze, die zu blühen aufgehört hat, wie Schutt, der beseitigt werden muss. Sie ist eine immerwährende Baustelle, auf der nichts anderes gemacht wird als Häuser abzutragen und an Ort uns Stelle sogleich ein neues zu errichten, das wenige Jahre später wieder abgetragen wird. Sie gleicht einem Gebiss aus kariösen Zähnen, die darauf warten, durch künstliche Implantate ersetzt zu werden. In so einer Stadt befindet sich mein Sargmuseum.
Das ist gottlob ein stabiles Element in dieser Woge der schnellen Zerstörung und des kaum weniger schnellen Aufbaus. Es ist, als halte irgendeine unsichtbare Kraft die Renovierungswut dieser Tage von unserem Museum fern, als scheue sie vor uns zurück, als hielte der Eifer des ewig Neuen und Alten an dieser Stelle inne.
Das Museum besteht aus einem einzigen Saal und zeigt immer nur eines, wenngleich in wechselnden Exponaten: Särge. Historische Särge, keine Originale, nur Nachbauten. Es gehört zu einem Bestattungsunternehmen und wurde einst mit der Ambition gegründet, einen Beitrag zu einer modernen Kultur des Sterbens zu leisten. Das Bestattungsgeschäft warf – und wirft gerade in einer Zeit, da man fürchtet, dass die Bevölkerung ausstirbt – genug ab, um sich dieses doch irgendwie luxuriöse Hobby leisten zu können, selbst wenn es inzwischen vor allem der Imagepflege dient.
Das Museum ist nicht Teil des operativen Geschäfts. Nicht die Särge sind Grundlage des Geschäftsmodells, sondern die Tode. Särge ändern sich, nur der Tod bleibt sich gleich. Obwohl das natürlich so auch nicht stimmt. Denn jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod. Der Tod ist nicht anonym, er ist kein Massenereignis. Jeder Tod hat einen Namen. Jeder Tod mehrt das Wissen der Lebenden um ihren eigenen.
Der Tod ist kein lebensnotwendiges Bedürfnis wie Essen und Trinken. Man kann ihn nicht verkaufen wie Wasser und Brot. Er ist ein natürliches Monopol, an dem wir Anteil nehmen, indem wir Geld mit ihm verdienen.
Manchmal komme ich mir vor wie ein Beichtvater. Menschen scheinen zu glauben, ich wäre nicht von dieser Welt, weil es Särge sind, die meiner Aufsicht unterstellt sind. Die meisten, die hierher kommen, wollen einfach nur mal da gewesen sein. Oft sind es Touristen, die zu Hause von unserem skurrilen Museum erzählen. Ihnen genügt es, ein paar Minuten durch unsere Ausstellung zu schlendern und interessiert zu tun. Dann verschwinden sie wieder, um woanders Beute für ihren Reisebericht zu erjagen.
Aber es gibt auch Menschen, die in der Hitze der Stadt die Kühle unseres Museums zur Rekreation aufsuchen. Dann setzen sie sich auf die Bank und ruhen sich zwischen den Särgen aus. Und ich sage, wie es ist: Hier ist noch jeder zur Ruhe gekommen, und manchmal schüttet mir einer auch noch sein Herz aus. Es ist nicht zu glauben, aber ganze Lebenswege lassen sich in wenigen Minuten erzählen. Woran liegt es, dass man mir das Intimste anvertraut?
Kinder gehören selten zu den Besuchern. Sie könnten Fragen haben, direkte, offene Fragen, denen die Erwachsenen gerne ausweichen, weil sie ihnen unangenehm sind. Sie fühlen sich unbeholfen, einem Kind Fragen über den Tod zu beantworten. Aber sie müssen. Also kommen sie erst gar nicht.
Doch es kommt vor, dass Kinder hereinplatzen, noch vor den Eltern. Die sind dann nicht selten überrascht über das, was sie hier vorfinden. Auch die Kleinen sind irritiert über das, was sie hier sehen, nichts als Särge. Sie kennen den Tod meistens nur aus dem Fernsehen. Doch im Fernsehen findet kein natürliches Sterben statt. Das Sterben im Fernsehen ist stets nur dramatisch und oft nur eine menschliche Katastrophe. Unser Sterben im Museum ist alltäglich.
Aber es gibt auch Kinder, die durch den Tod eines lieben Menschen plötzlich erleben, dass aus einem Körper das Leben weichen kann. Dass jemand, mit dem man gesprochen und gescherzt hat, auf einmal so unendlich und endgültig weit weg ist. Plötzlich kann man jemanden nicht mehr so lieb haben, wie man ihn gerne lieb haben möchte.
Die Kinder bringen eine Weisheit mit ins Leben, die, wenn auch nicht immer neu, so doch unverfälscht und stets originell ist. Mit zunehmendem Alter wird diese Weisheit jedoch nicht selten von einem Drang nach Wissen und vom Streben nach Positionen überlagert, nicht selten verdrängt. Im idealen Falle setzt, wenn Drang und Streben nachzulassen beginnen, etwa weil man erkennt, dass sich damit nichts Wesentliches gewinnen lässt, ein Läuterungsprozess ein, der wiederum eine, wenn auch nicht immer neue, so doch unverfälschte Weisheit zu Tage fördert.
Wenn aber Altes immer nur eingerissen wird, um Neuem Platz zu machen, kann die aus dem Leben geborene Weisheit niemals gedeihen. Sie findet keinen Boden, in dem sie Wurzeln austreiben und sich festsetzen kann.
Es ist die Tragödie vom Verkümmern der Weisheit, die die Wahrheit der Kräne triumphieren lässt.
Die Zeit steht still, wenn sich der Tod eines Menschen bemächtigt. Denn der Tote altert nicht mehr. Und die Zeit steht still, um sich in Ewigkeit zu verwandeln.
Gnade uns Gott, wenn einmal auch unser natürlicher Tod zu blühen aufhört und von einem künstlichen ersetzt wird.

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