Der Wetterschwund

von Bernhard Huber

Eines Tages war das Wetter verschwunden. Das hatte niemand von uns erwartet.
„Wo ist das Wetter?“ fragte jeder jeden.
„Das Wetter ist weg“, sagte jeder jedem, und jeder hatte Angst.
Das Wetter und nichts weniger als das Wetter war eines Tages weg, einfach weg.

Wir waren alle traurig. Denn es war nicht irgendein Wetter, das plötzlich weg war, unser Wetter war’s, und unser Wetter war nun nicht mehr da.

Wie konnte das passieren? Darauf wusste niemand eine Antwort. Aber je weniger wir wussten, desto mehr drängten sich Gerüchte in unsere Gespräche und Gedanken, und davon will ich erzählen.

Hansens Haare, und er heißt wirklich Hansen – Herr Hansen kommt nämlich aus Hamburg -, Herrn Hansens Haare waren plötzlich nicht mehr zerzaust. Unser Friseur war der erste, der das bemerkte, und bald wussten es alle.
Der Friseur sagte, das kann nur am Wetter liegen, und damit war alles klar. Das Wetter war weg, und Hansens Haare waren der Beweis.
Denn es war also kein Wind mehr da, der Hansens Haare sonst immer zerzaust hatte. Und wenn kein Wind mehr da war, dann war auch kein Wetter mehr da.
Und weil der Friseur der erste war, der das mit Hansens Haaren bemerkte, und weil er sagte, dass das nur am Wetter liegen kann, stand schnell fest: Der Friseur war schuld daran, dass es plötzlich kein Wetter mehr bei uns gab.

Aber unseren Friseur störte das überhaupt nicht. Er schnitt weiter unsere Haare, weil er der einzige Friseur am Ort war, auch die von Hansen, und alle hatten sich nach ein paar Tagen daran gewöhnt, dass Hansens Haare nicht mehr zerzaust waren. Auch der Friseur sagte, dass es ihm egal ist, ob Hansen mit zerzausten oder nicht zerzausten Haaren zu ihm kommt. Er kann sie so oder so schneiden.

Aber irgendwas war anders, und das merkten wir, aber erst allmählich. Denn allmählich ging uns der Gesprächsstoff aus. Wir wussten nicht mehr, über was wir uns unterhalten sollten beim Friseur oder woanders. Erst haben wir wenigstens noch über Politik geredet, über die Arbeitslosigkeit, über die globale Ungerechtigkeit und so Sachen. Aber über sowas kannst du dich, wenn’s hoch kommt, vielleicht ein paar Tage unterhalten. Und was ist dann? Irgendwann wird das langweilig, und wenn du dann auch kein Wetter mehr hast, über das du mit jemandem reden kannst, redest du bald überhaupt nicht mehr – mit keinem.

Normalerweise geht das ungefähr so zu: Du kommst zum Friseur und sagst „Guten Tag“. Wenn niemand vor dir da ist, bist du gleich an der Reihe. Der Friseur weiß, was er zu machen hat. Hier ist jeder Stammkunde, weil es bei uns nur den einen Friseur gibt. Dann fragt er:
„Wie geht’s?“, und du sagst: „Geht so.“
Dann fragt er: „Alles in Ordnung?“, und du machst „Hmm.“
Du wärst enttäuscht, wenn es mal nicht so geht.
Dann sagt der Friseur Sätze mit „Arbeitslosigkeit“ oder „Europa“ oder „Politik“ und andere solche Sachen, und du sagst immer „Hmm“ oder „Stimmt“.
Aber das Hauptthema ist das Wetter, mit dem fängt nämlich jedes Gespräch beim Friseur eigentlich erst richtig an. Wenn er dich gefragt hat, ob alles in Ordnung ist, dann sagt er was zum Wetter. Immer.
„Blödes Wetter heute.“
„Kann man nichts ändern.“
„Ist viel zu heiß.“ Manchmal sagt er auch kalt und du sagst „Hmm“.
Er sagt: „Ist nicht gut fürs Geschäft.“

Ich kenne nicht ein einziges Wetter, dass gut für das Geschäft des Friseurs gewesen wäre. Wenn’s geregnet hat, war’s schlecht, wenn’s nicht geregnet hat, war’s auch schlecht. Sein Geschäft lief immer schlecht, und immer war das Wetter schuld.
Nach dem Wetter kam erst die Politik und all das, und das interessierte ihn nur noch der Form halber, um seiner Kundschaft zu zeigen, dass er da ist und ihre Haare bearbeitet. Und ich muss wirklich sagen, bei unserem Friseur war mir nie langweilig.
Aber jetzt wurde einem plötzlich langweilig, weil das Wetter nicht mehr da war. Und jetzt ging das Geschäft wirklich schlecht, weil, wenn dir langweilig ist, gehst du nicht mehr so oft zum Friseur oder überhaupt nicht mehr. So war das jedenfalls bei uns damals, als das Wetter plötzlich verschwunden war.

Je mehr den Leuten langweilig geworden ist, desto weniger ließen sie sich zurückhalten. Sie zogen einfach weg. Ich bin auch weggezogen. Wo es langweilig ist, bin ich nie lange. Das halte ich nicht aus und das ist bis heute so. Da, wo ich jetzt wohne, gibt es das ganze Jahr über Wetter. Auch wenn es nicht oft schönes Wetter ist: besser schlechtes Wetter als gar keins.

Nach Jahren habe ich mal wieder einen Abstecher gemacht zu dem Ort meiner Geburt. Ob der überhaupt noch da war, wollte ich wissen, und ich sah, dass er noch da war. Das heißt: Die Häuser waren noch da, aber darin gewohnt hat keiner mehr. Es sah aus wie in diesen ausgestorbenen Goldgräberstädten in Amerika, die man oft in Wild-West-Filmen sieht.
Da sah ich plötzlich Hansen! Der alte Hansen, der war also noch da, und seine Haare waren ganz schrecklich zerrupft.
„Hansen“, sagte ich, „kennst du mich noch?“
„Und ob ich dich kenne, du Lausbub. Was machst du hier? Hier gibt’s nichts mehr. Außer mich.“
„Sind denn alle weg?“
„Alle.“
„Mit deinen Haaren stimmt ja alles wieder. Gibt’s jetzt wieder Wetter?“
„Was du redest! Ich sehe halt so aus, weil es hier keinen Friseur mehr gibt.“
„Ja, den gibt es nicht mehr.“
„Das mit dem Wetterschwund war dummes Zeug. Ich habe diese Geschichte damals auch gehört. Hier hat es immer Wetter gegeben.“
„Aber deine Haare…“
„Ich hatte damals nur meinen Kamm wiedergefunden. Und der Friseur hat nur gesagt, das gibt’s doch nicht, das Wetter. Der hat ja immer übers Wetter gejammert.“
„Ich weiß.“
„Aber jeder hat gemeint, er hätte gesagt, es gibt kein Wetter mehr. Deshalb ist unser schöner gemütlicher Ort ausgestorben. Daran kann man jetzt nichts mehr ändern. Aber ich bleibe hier, und weil ich jetzt ganz allein hier lebe, kämme ich mir die Haare auch nicht mehr.“
„Versteh‘ ich.“
„Dabei habe ich jetzt Kämme genug. Die hat mir der Friseur geschenkt, als er weggezogen ist.“

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