Der tolle Mensch und das Mädchen

von Bernhard Huber

Das Mädchen klappte das Buch zu und stellte es zurück ins Regal. Fragt mich bitte nicht nach dem Namen dieses reizenden Mädchens. Ich habe ihn schon längst vergessen, denn diese Geschichte wurde mir vor vielen, vielen Jahren erzählt.

Aber ich weiß, dass dieses Mädchen ein hübsches Kleidchen anhatte. Es war schon neun Jahre alt und, wie ihr euch denken könnt, sehr gescheit. Denn es interessierte sich für Bücher. Und gerade auf dieses eine, das es soeben ins Regal zurückgeschoben hatte, war es schon seit längerem neugierig.

Ihr fragt euch vielleicht, warum gerade auf dieses Buch. Was war daran so besonders? Ob ihr es glaubt oder nicht: Das Besondere dieses Buches bestand einfach darin, dass es sich im Regal links oben befand, wo das Mädchen noch nicht hinkam, weil es noch zu klein war.

Deshalb beschloss es eines Tages, etwas Gefährliches zu wagen. Es schob einen Stuhl vor das Regal und stieg darauf. So konnte es bequem das Buch erreichen.

Es begann voller Eifer darin zu blättern. Da stieß es auf eine merkwürdige Geschichte. Auf dem Stuhl stehend las es sie durch und konnte sich nicht genug darüber wundern.

Da ging ein Mensch, der toll war, am hellen Tag auf den Markt, um Gott zu suchen. Weil er von Menschen, die gar nicht an Gott glaubten, deshalb ausgelacht wurde, polterte er los. Gott sei tot, rief er, und alle hätten ihn getötet. Alle hätten das Meer ausgetrunken, hätten die Erde von der Sonne losgekettet, hätten den Horizont weggewischt. Und doch sei dieses Ereignis noch unterwegs und wandere zu den Menschen, die doch selber Gott getötet haben sollen. Und nun seien die Kirchen die Grüfte und Grabmäler Gottes.

Was für eine seltsame Geschichte! Das Mädchen beschloss, ihr auf den Grund zu gehen.

Am einfachsten ließ sich das mit dem Horizont nachprüfen. Wenn der weggewischt worden wäre, dürfte er ja nicht mehr zu sehen sein. Das Mädchen sah ihn aber jeden Tag. Es ging ganz einfach auf den Balkon und überließ es den Augen zu sehen, was sie nur wollten. Und sie sahen das, was sie auf dem Balkon sonst auch immer sahen: Bäume, Sträucher und Blumen in den Gärten ringsum. Sie sahen das wogende Getreide auf dem Feld, sie sahen die roten Dächer der Nachbarhäuser, sie sahen parkende Autos, Straßen und Wege. Und in einer Lücke zwischen den Häusern führte einer dieser Wege in die Ferne, wo er verschwand, wo der Horizont begann.

Die Menschen haben also den Horizont überhaupt nicht weggewischt!

Wie sollte es nun herausfinden, ob die Erde von der Sonne losgekettet worden ist? Im Fernsehen hatte es schon viele Filme über das Weltall gesehen. Da war aber nie eine Kette dabei. Im Gegenteil: Alle Planeten und Satelliten schwebten einfach so in der Luft. Dabei lachte das Mädchen ein wenig. Denn es wusste sehr genau, dass das eigentlich keine Luft ist da oben. Eine Kette passt da gar nicht hin. Wenn man aber einmal so tut, als wäre die Erde an der Sonne angekettet, würde man die Kette dann merken? Oder würde man es auf der Erde spüren, wenn die Kette plötzlich abgerissen wäre? Eigentlich ein seltsamer Gedanke: zwei aneinandergekettete Planeten. Was für eine unsinnige Idee!

Trotzdem wollte es genauer nachforschen, und da fiel ihr das Internet ein. Es suchte sich Bilder vom Weltraum und lud viele Seiten über den Weltraum herunter, die es aufmerksam las. Dass es davon nicht alles verstand, tat nichts zur Sache. Das Mädchen brauchte ja nur auf das Wort „Kette“ zu achten. Aber nirgends fand es einen Hinweis darauf, dass die Erde von der Sonne losgekettet worden wäre oder dass Planeten aneinandergekettet wären.
Da wurde das Mädchen stutzig. Denn es hat ja gelesen, dass dieses Ereignis von der Ermordung Gottes von den Menschen, die selber Gott ermordet haben sollen, noch gar nicht wahrgenommen worden ist und dass es noch unterwegs sei.

Aber wie sollte es möglich sein, etwas nachzuprüfen, was man noch gar nicht wahrgenommen hat? Wie soll man wissen, dass ein Stern am Himmel existiert, wenn man noch keine Signale von ihm aufgefangen hat? Es gibt sogar Sterne, man muss eigentlich sagen: Es gab sogar Sterne, von deren Existenz die Menschen erst erfahren haben, nachdem sie schon längst erloschen waren, weil sie so weit entfernt von der Erde irgendwo am Himmel droben standen, lagen, schwebten, flogen oder wie man dazu sagt. So schnell das Licht auch sein mag, das Universum ist so groß und weit, dass es manchmal ganz lange dauert, bis es uns hier auf der Erde ein neues Geheimnis des Alls übermittelt.

Da war noch die Sache mit dem Meer, das alle Menschen ausgetrunken haben sollen. Also das konnte sich das Mädchen nun überhaupt nicht erklären. Das würde es gar nicht erst aufwendig überprüfen. Das Meer ist überhaupt nicht ausgetrunken worden, weil so viele Menschen Urlaub am Meer machen. Es konnte sich doch nicht um eine Illusion handeln. Und dann vor allem: Welcher Mensch trinkt Salzwasser? Pfui, das ist doch ekelhaft! Nein, das war nun wirklich ganz und gar übertrieben. Das Mädchen weigerte sich auch, sich vorzustellen, das ausgetrunkene Meer könnte noch unterwegs sein zu uns wie das Licht von einem längst erloschenen Stern, weil man ein Meer einfach nicht austrinkt.

Was aber sollte das Mädchen nun davon halten, dass die Menschen Gott ermordet hätten? Was sind das für Menschen, die einen Gott anbeten, den man ermorden kann? Der sich einfach ermorden lässt?

Das Mädchen nahm sich vor, nicht mehr neugierig auf Bücher zu sein, die es aus eigener Kraft noch gar nicht erreichen konnte. Nie mehr wollte es die Gefahr auf sich nehmen, dafür auf einen Stuhl zu steigen. Mama hat das sowieso streng verboten. Es wollte abwarten, bis es groß genug war, um ohne Hilfsmittel an solche Bücher zu kommen. Dann konnte es ja wieder in dieses Buch hineinschauen und die Geschichte von dem tollen Menschen noch einmal lesen.

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